Orange:
Hat 68 bei den Mai-Unruhen als kleines Kind etwas -
man hat nie herausgefunden was - an den Kopf bekommen
und ist seit dem hemmungslos neugierig. Sie kaschiert ihr Symptom,
indem sie im Alltag ständig die politische Forderung erhebt,
dass die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem fallen sollen.
Es war ihre Idee, die Zimmer in der WG durch Fenster miteinander
zu verbinden. Sie liebt Thierry, weil sie glaubt, dass er ihre
Leidenschaft für einen politisierten Alltag teilt. Es erscheint
ihr politisch konsequent, ihr eigenes Kind, die kleine Becassine,
der Wissenschaft für Sprachforschungen zur Verfügung zu stellen.
Ihre lausbübige Konsequenz stellt sie in die Nähe einer Jean Seberg.
Thierry:
Ist ein Formalist. Er sucht ständig nach adäquaten formalen Umsetzungen
seiner sozial-revolutionären Utopien. In seinem Herzen ist er ein linker
Revolutionär der alten Schule, auch wenn er sich auf den neusten Stand der
Produktivkräfte gebracht hat (x...das Internet ist das Medium der Zukunftx).
Er liebt Pauline, weil er glaubt mit ihr auf der Ebene des Geschmacks die selbe
Sprache zu sprechen. Dabei überfrachtet er sein Liebes-werben mit formalen und
theoretischen Spiel-chen, die Pauline trotzig und unversöhnlich abweist, die
Orange aber geradezu magisch anziehen. Er hat etwas von der Melancholie Truffauts.
Pauline:
Ist schüchtern, weil sie ödipal an ihr länd-liches Elternhaus gebunden ist.
Die Eltern sind 68 ausgestiegen und haben eine der ersten Kommunen in
Süd-Frankreich gegründet. Gegen die Welt entfesselter Gruppendynamik
hat sie daher gewisse Ressentiments. Sie pflegt einen antihippiesken,
strengen aber eleganten Stil. Als Einzelgängerin sind ihr die überdrehten
Konstruktionen der WG suspekt. Gleichzeitig fühlt sie sich in der WG geborgen
wie in einem Nest. Sie liebt Orange, kann es aber nicht richtig zeigen.
Pauline kann schlag-artig sehr mutig handeln und Situationen für sich
entscheiden. Darum haben alle Respekt vor ihr - sie ist die Jüngste.
Sie ist Pauline am Strand.
Tibout:
Sie ist den Wissenschaften zugeneigt, und da ihre Forschungsprojekte von
geradezu schwindelerregender Kühnheit sind, ist sie die einzige, die aufgrund
ihres IQ's und Tempera-ments von 180 so etwas wie eine gesell-schaftliche
Karriere einschlägt. Mithilfe einer chemopsychedelischen Methode entwickelt
sie einen denkenden Joghurt -- Herbertine bewun-dert sie maßlos und hält sie
für ein Genie. Eine heimliche Obsession zieht sie immer wieder in den Supermarkt,
Sandrinewo sie die Waren umsortiert. Cri Cri löst bei ihr eine seltsame Verwirrung aus,
die auf den ersten Blick wie Liebe aus-sieht. Aber vielleicht sieht sie in ihm nur
ein weiteres chemopsychede-lisches Studie-objekt. Ihr Frisör heißt Truffaut.
Herbertine de Cliquetice:
Sie ist eine manische Realistin, deren Pragma-tismus einen Hang zum
Hysterisch-Heroischen nicht verleugnen kann. Sie legt viel Wert auf Kleidung,
Eleganz und Reibungslosigkeit und würde nie etwas ohne Angabe von Gründen tun.
In der umstrittenen Sprachenschule nimmt sie eine Führungsposition ein, sorgt
für ein geregeltes Einkommen und trifft sich mit Thierry in der Vorstellung,
dass man Wohnen und Arbeiten verbinden muss. Sie hat eine Affäre mit Gérard,
der was die meisten seiner Akti-vitäten angeht, ohne Gründe auskommt und
außerdem auf eine barocke Art elegant im Bett ist. Hätten die Präraffaeliten
eine Dependance in Paris wäre sie ihre Bardot.
Gérard:
ist körperlichen Genüssen wenig abgeneigt und der einzige Hedonist der WG.
Er läßt sich nicht irritieren vom Strudel aus kollektiver Verbindlichkeit,
Theorie und drohender sozialer Verwahrlosung und überrascht mit Variationen
von Meeresfrüchten für zwei Personen und Amour Stur. Aus purer Langeweile
macht er eine Psychoanalyse bei Jean Giselain. Liebe ist für ihn ein Plural,
darum glaubt er auch ein offenes Ohr für feministisches Basiswissen zu haben -
Stichwort Althusser. Er ist ein hommes des femmes und hat eine gewisse Ähnlichkeit
mit Depardieu.
Jean-Giselain:
Er ist Psychoanalytiker und pflegt einen Lebensstil, der sowohl traditionnell als
auch dandyistisch ist. Als Feind der Postmoderne duldet er die Verknüpfung von Arbeit
und Leben nicht. Ein solches Leben ist in seinen Augen unästhetisch, stillos und
ethisch verwerflich. Er glaubt an die unaufhebbare Tragik des Subjekts
(S: durchgestrichen) und ist darum kann daher kein Anhänger der Revolution und der
Befreiung der Menschen in der Gesellschaft sein. Eine Ähnlichkeit mit Lacan ist nicht
zufällig. Wie dieser hat er sich in ein Gespinst aus Paranoia, Transzendenz und
Geldgier verfranst und lebt seine Autorität in vollen Zügen. Doch zuweilen, wenn
sich aus der Verbindung von schlechtem Französisch und großem Einfallsreichtum
charmante Versprecher knüpfen, tritt er gerührt und voller Amusement den Rückzug an,
in ein anderes Leben.
Baisse de Belsomme:
Überführt die manische Pragmatik von Herbertine und Tibouts Hang zum Überdrehten
in die Realität. Ihre Vorschläge, wie die WG ihr ökonomisches Überleben sichern
könnte sind so ausgefeilt unglaubwürdig, dass - allein nach den Gesetzen der
Wahrscheinlichkeit - einmal die Zeit kommen muss, in der sie nicht mehr scheitern
können. Sie hat sich schon lange von der WG entfremdet und überlegt auszuziehen.
Einzig der Neue, Cri Cri weckt ihre Neugierde - er erinnert sie an Jean-Pierre
Leaud und das inspiriert sie zu neuen Phantasmen, wie mit gefährlichen Simulakren,
sprich spektakulären Unfällen, die man mieten kann, Geld zu verdienen sei.
Sie hat was von der Eleganz der Deneuve.
Cri-Cri:
Er möchte gerne in die WG einziehen. Sein Freund Thierry schätzt ihn enorm,
obwohl er ihn für eine tragische und lächerliche Figur hält. Cri Crixs Neigung zu
Ungeschicklichkeiten und sein Hang, die Widersprüche zu überspielen anstatt sie
lösen zu wollen, sind Quellen für Mißmut und Auseinandersetzungen. Wenn
Widerstände auftauchen, dreht er auch gerne mal eine flinke Pirouette.
In Ping Pong ist er ein As. Gleichzeitig teilt er mit Thierry diverse
unzeitgemäße Vorlieben, wie das Absingen von Arbeiterliedern, narzißtisches
Singlepingpong und die Logik der Verschwendung. Seine Verliebtheit in Tibout
äußert sich vor allem darin, dass er Ihre Kleidung trägt. Sein Liebeswerben
erschöpft sich in Worten, die tautologisch funkeln. Da ist ein Vorpreschen auch
mal ein Rückzieher. Eine gewisse Ähnlichkeit zu J.P.Leaud, ist nicht von der
Hand zu weisen.
Estelle:
Estelle ist eigenbrötlerisch und gestaltet sich einen Tagesablauf, der dem der
anderen entgegengestellt ist. Sie arbeitet als Tierphotographin und momentan
an einem Auftrag zu Nachttierphotographie. Sie trinkt Milchkaffee während die
anderen Boeuf Bourgignon essen, sie sammelt seltene Whiskysorten ohne sie zu
trinken und ergötzt sich an mittelalterlicher Lyrik ohne sie laut vorzulesen.
Kurz: sie lebt in einem anderen Tempo als die restlichen WG-Bewohner und
geniesst es die Vergangenheit als Gegenwart zu leben. In dieser Eigenschaft
ist sie eine geschätzte Probandin für Baisse.
Alphonse:
Alphonse ist der Bruder von Pauline, der noch immer auf dem gut der Eltern
am land lebt. er ist ein herzensguter mensch, arbeitet als Landschaftsgärtner
und ist ein begnadeter Hobbymaler. da er weiss, dass Pauline nicht über viel
geld verfügt bringt er ihr immer wieder gutes, gesundes Essen von Daheim:
geräucherten schinken, einen halben Laib Sauerteigbrot, Quark von Claire dem
Milchschaf und Weinflaschen ohne Etikett. Alphonse spricht starken dialekt
(i briang dia a müich von di öldeärn), was Pauline rührt, aber auch peinlich
berührt, weil es nicht dem komplexen (teilweise auch blöden) Sprach - und
Verhaltenskodex der WG entspricht.
Sandrine:
Sandrine lehrt an der ENS (Ecole Normale Superieure) und ist die jüngerer
Schwester von Herbertine. Wie diese ist sie eine uneheliche Tochter von
Althusser. Aber anders als diese weiss sie ALLES über französischen Poststruk.
Sie verzweifelt über das Halbwissen der WG, die sich ihr gegenüber sowohl
ehrerbietig als auch überheblich verhält, weil sie glaubt mit ihrem WG-Alltag
die Erkenntnisse dieser Schule widerlegen zu können. Die Peinlichkeit dieser
naiven Ambition versucht sie alkoholisch zu ertränken, was ihr natürlich nicht
gelingt. Sie wird selber peinlich und damit Schauplatz einer familiären
Retrospektive. Für ALLE.
Chloé:
Chloé taucht auf wie ein zufälliges Wetter. Thierry lernte sie kennen
in einem Seminar zur empirischen Erhebung von Nahrungsmittelallergien
innerhalb geschlossener Lebensgemeinschaften (was Familien und Wohngemeinschaften
einschliesst). Er lud sie ein, weil er in ihr eine flexible Probandin sah, die
durch entsprechende Ansprache manipulierbar wäre. was sich als Fehleinschätzung
erwies, wie alles was Thierry spekulierte.